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Hagbard at Cebit Print E-mail
Written by MK23_Sysop   
Friday, 24 November 2006
Article Index
Hagbard at Cebit
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Haschidee
=========

Aus einer Haschidee wurde im März 1986 ein Plan zur Spionage. Deutschlands
Hacker waren zur Hannover-Messe CeBIT angereist; viele fanden dichtgedrängt
zwischen Taschen und Schlafsäcken Unterschlupf in Hagbards Appartement. Eines
Morgens beim Kiffen kamen Dob (26), Pedro (31), Pengo (17) und Hagbard (21) auf
die Idee, mit "Gehacktem" Geld zu machen. Zu einem Preis von einer Million Mark
wollten sie dem sowjetischen Geheimdienst KGB ihr Know-how verkaufen. Hagbard
war es recht, ging doch das Geld aus seiner Erbschaft zur Neige. Für die
anderen war Spionage teils ein Abenteuer, teils ein politischer Beitrag zur
Egalisierung des Technologievorsprungs der USA gegenüber der Sowjetunion.

Pedro setzte die Haschidee in Ost-Berlin in die Tat um. In der sowjetischen
Botschaft erklärte er: "Ich bin der Herr X, ich möchte zum KGB." Fortan
führte ihn ein gewisser Sergej von der Aussenhandelsmission Mata Novic in der
Leipziger Strasse. "Liefert mal was an, wir können dann sehen, was es wert
ist", empfahl er Pedro.


KGB-Kleingeld
=============

Mit einer Probelieferung fuhren Pedro und Pengo nach Ostberlin. Pedros brauner
Lederkoffer enthielt ein Magnetspeicherband, drei Disketten und rund 50 Seiten
mit Daten aus den Pentagon-Datenbanken RECON und OPTIMIS. Hagbards Beitrag waren
Belege von 15 oder 20 geknackten Computern mit Informationen über die
Datenbestände. Die Angaben über die Zugangsberechtigungen seien jedoch
unvollständig gewesen, erzählte später Pengo. Der KGB sollte nur mal
"schnuppern".

Die Geheimdienstler waren weniger an Hacker-Spezialwissen als vielmehr an
Software und Informationen aus Forschung und Wirtschaft interessiert. Damit war
der Traum vom Millionen-Deal geplatzt. Die Hacker sollten den geheimen Techno-
logietransfer selbst betreiben. Als Anzahlung gab es 30.000 Mark. Nur etwa
90.000 Mark sollten es insgesamt werden. Gemessen am Aufwand war das nur Klein-
geld. Bei seinen knapp 30 Besuchen in Ostberlin erhielt Pedro erst 300 Mark,
später 600 Mark "Spesengeld" von seinem Führungsoffizier und zu Weihnachten
1988 russischen Kaviar.

Auf der Wunschliste des KGB standen CAD-Programme, Compiler, Programme zum
Konstruieren neuer Chips oder Informationen aus militärisch genutzten
Datenbanken in den USA. Das besondere Interesse galt dem lesbaren Quellcode von
Betriebssystemen. Für das VMS-Betriebssystem von Digital Equipment wurden
angeblich 30.000 Mark geboten. Auch das Siemens-Betriebssystem BS 2000 wollte
der KGB im Quellcode studieren.

Im Sommer 1986 ging Hagbard das Material aus. Er heuerte Urmel an, der als
Unix-Programmierer in Hannover sein Geld verdiente. Urmel wurde Spitzenliefe-
rant. Hagbard stieg im November 1986 aus Angst und Mangel an Hackmaterial wieder
aus und tauchte zeitweilig nach Spanien ab. Urmel war offenbar sehr von Mili-
tärcomputern und Informationen zum SDI-Projekt (Strategie Defense Initiative)
des US-Präsidenten Ronald Reagan für den "Krieg der Sterne" angetan. Eindeutig
nachgewiesen werden konnte ihm jedoch nichts. Hagbard plauderte dagegen aus,
dass er im Atomforschungszentrum Lawrence Livermore auf SDI-Forschungsdaten
gestossen sei.

Die Universität Karlsruhe wurde geplündert, Unix-Programme aller Art über
Stunden hinweg abgezogen. Gefilzt haben die Hacker wohl auch die deutsche
Filiale der damaligen US-Firma Altos. Bei MBB in München sei es um Lichtwellen-
leitertechnologie für den Jäger 90 gegangen, den heutigen Euro-Fighter.
Entwendet wurde vermutlich ein Spitzenprogramm der Firma GenRad in München zum
Testen von Schaltplänen zusammen mit einer Bibliothek von rund 3000 logischen
Grundbausteinen für die Entwicklung neuer Chips. In der Environmental
Protection Agency in den USA waren Untersuchungen über Atomunfälle einzusehen,
in den Sandia National Laboratories Programme zum Chiffrieren, berichtete
später Hagbard.

Was der KGB alles erhielt, blieb unklar. Häufig sahen sich die Spione ihre
Hackware nicht einmal genau an. Das Bundeskriminalamt informierte zwar die
deutschen Firmen über die Einbrüche, forschte aber auch nicht weiter nach.
Sicher ist, dass Pengo mit Hilfe seines Hackerfreunds Obelix in der Singapur-
Filiale von Digital Equipment einen Security Pack gegen Hackereinbrüche stahl.
Amüsiert haben sich Dob und Pedro über die Lieferung von MINIX, dem von Prof.
Andrew S. Tanenbaum für Lehrzwecke entwickelten Betriebssystem: Sie erhielten
dafür 4000 Mark, bevor der KGB den "wahren Wert" erkannte.


Auf der Lauer
=============

In Kalifornien beobachtete der Astro-Physiker Clifford Stoll (38) am Lawrence
Berkeley Laboratory mit wachsendem Unbehagen die Spionagehacks zwischen Deutsch-
land, den USA und Japan. Auf die Spur brachte ihn ein Verlust von 75 Cent
Rechenzeit im September 1986, den er sich nicht erklären konnte. Ein Hacker mit
dem Pseudonym "Hunter" hatte sie ihm gestohlen. [Zusatz: Alles nur wegen einer
Mark? Schon seltsam wie knauserig manche sind.]

Eigentlich wollte Stoll das Problem in wenigen Tagen erledigt haben, er
verbrachte jedoch Jahre damit. Er beobachtete, wie Hacker Militärbasen,
Flugzeughersteller oder Forschungslabors angriffen. Darunter waren The Mitre
Corporation, eine Rüstungsfirma für Aufklärungs-und Spionagesatelliten sowie
Marinestützpunkte wie das Naval Coastal Systems Center in Florida und Fort
Buckner auf Okinawa.

Stoll identifizierte zwei auf Unix spezialisierte Hacker aus Hannover; diese
knackten erfolgreich Passwörter und schickten ein Programm namens ".d" durch
ein Softwareloch im GNU-Emacs-Editor auf die Systemebene, wo es ihnen Privile-
gien eines Superusers verschaffte. Stoll nannte es später das Kuckucksei.
Die "Heimatbasis" dieser Hacker war lange Zeit das Redstone Army Depot für
Raketen, von wo aus Hacks zum Raketentestgelände White Sands Missile Range in
New Mexico, zur OPTIMIS-Datenbank des Pentagon, zum Strategie Air Command und
vielen Tactical Air Commands der US Air Force erfolgten. Stoll stolperte aber
auch über Hacker wie Hagbard, Pengo, Maxxim und andere, denen vor allem
VAX-Rechner der Firma Digital Equipment gefielen, etwa die MILVAX der NASA, die
sich gut zum Umsteigen von einem Netz ins andere eignete.

Stoll wollte "seinen" Hacker unbedingt fassen. Er schaltete US-Telefongesell-
schaften in die Nachforschungen ein, wertete Verbindungsdaten und sogar die
Tippgewohnheiten der Hacker auf der Tastatur aus. Ein Piepser liess ihn selbst
nachts bei jedem Einbruch zu seinen Computern im Institut eilen. Den Durchbruch
erzielte er schliesslich mit dem "Geheimplan 35 B". Er basierte auf der Fest-
stellung, dass "sein" Hacker militärische Daten stahl. Zusammen mit seinem
"Sweetheart Martha" eröffnete er das SDINet, in das er grosse Mengen gefälsch-
ter Forschungsergebnisse und Personaldaten zum "Krieg der Sterne" packte, dem
militärischen Super-Projekt dieser Zeit. Der Hacker nahm den Köder an, so dass
sich seine Datenspuren lange genug über den Atlantik bis zur Universität
Bremen und nach Hannover verfolgen liessen. Die Bundespost half mit einer
Fangschaltung.

Am 23. Juni 1987 stand die Polizei vor Urmels Tür. Sie erwischten den Hacker
jedoch nicht inflagranti. Sie nahmen Hunderte von Disketten mit, konnten die
verschlüsselten Daten jedoch nicht lesen, so dass sich nichts Illegales
beweisen liess. Die Fangschaltung war zudem gesetzwidrig gewesen: Schliesslich
ging es noch um simples Hacken und nicht um Spionage. Zu einem Prozess kam es
nicht. Urmel nahm das Hacken wieder auf. Pedro lieferte das Material weiterhin
an den KGB in Ostberlin.


Redselig
========

Die KGB-Spionage wäre wohl unentdeckt geblieben, hätte Hagbard nicht im Sommer
1988 gegenüber Journalisten gequatscht. "Der Club" vom NDR-Jugendfunk war mit
dem Redakteur Axel Lerche und dem freien Mitarbeiter Bernd Scheunemann auf dem
Hackertrip. Aus den USA schwappten Meldungen herüber, dass Hacker aus Hannover
militärische Computer bei der Army, Navy und Air Force geknackt und Spionage
betrieben hatten. Scheunemann sollte in Hannover recherchieren. Für eine gute
Geschichte "könnten schon mal 10.000 Mark herausspringen", erklärte er; er
habe gute Beziehungen zu einer Illustrierten. Hagbard schluckte den Köder. Er
sah einen Ausweg aus seinem finanziellen Dilemma. Er brauchte Geld für den
Lebensunterhalt und die geplante Ausbildung zum Programmierer. Gleichzeitig
drückten ihn Drogenschulden.

Hagbard begann, den NDR-Journalisten wilde Geschichten zu erzählen. Diese
kontaktierten auch Pengo in Berlin und überredeten die beiden, ihnen ihr
Können zu zeigen. Hagbard erlebte noch einmal den Rausch der Datentrips über
den Atlantik. Am 16. Mai 1988 registrierte ein System-Manager einen Einbruch in
das Jet Propulsion Laboratory in Pasadena, die Schaltzentrale für amerikanische
Weltraumsonden. Acht Stunden lang dauerte die Hackersuche nach Daten über
die Entwicklung neuer Chips. Dann ging die Reise zur Naval Air Station in
Maryland, der Basis des Space and Naval Warfare Systems Command.

Was Pengo und Hagbard in der Wohnung von Bernd Scheunemann demonstrierten,
war dem NDR angeblich nur jeweils 500 Mark Informationshonorar und die Fahrt-
kosten wert - versprochen waren ursprünglich je 5000 Mark, behaupten Hagbard
und Pengo. Scheunemann bestreitet heute, dass die Hacker im Auftrag des NDR in
fremde Netze eindrangen; bei dem Geld habe es sich um eine
Aufwandsentschädigung gehandelt.

Das grosse Geld "kam nicht rüber", erzählte Hagbard später. Allmählich
verlor er den Boden unter den Füssen. Im Juni 1988 präsentierte er deshalb
seine Story. "Ich arbeite für den sowjetischen Geheimdienst KGB", vertraute er
Scheunemann an, als er sich nach einem Treffen von ihm am Dammtor-Bahnhof in
Hamburg verabschiedete.

Für den NDR-Jugendfunk war Hagbards "Knaller" eine Nummer zu gross. Lerche ging
deshalb zum Panorama-Chef Joachim Wagner, der später daraus eine "Brennstoff"-
Sendung machte. Pengo und Hagbard erhielten den Ratschlag, sich einen Rechtsan-
walt zu suchen und sich dem Verfassungsschutz in Hamburg zu stellen. Beiden
wurde in Aussicht gestellt, dass man sie nicht anklagen würde, wenn sie bis zu
den Festnahmen der anderen schweigen und alles über die Spionage für den KGB
erzählen würden. Über die Einbrüche in deutsche Firmen sollten sie nichts
ausplaudern. Der Verfassungsschutz übergab den Fall dem Bundeskriminalamt, wo
weitere Vernehmungen stattfanden.

Dob, Pedro und Urmel wurden noch einige Monate observiert, ehe die Polizei am
3. März zugriff. Pengo wurde in Berlin vernommen; Urmel nach Karlsruhe gebracht
und am folgenden Tag wieder freigelassen. Dob und Pedro wurden verhaftet; sie
blieben im Gefängnis. Hagbard liess man in Ruhe. Zur CeBIT 89 waren Pengo,
Hagbard und Urmel wieder auf der Messe und eine Attraktion für andere Hacker.
Pengo betonte immer wieder, dass er niemals militärische Computer geknackt
habe. Er glaubte zudem, dass Clifford Stoll die Hackerei nur mit Hilfe des
technischen Geheimdienstes der USA, der National Security Agency (NSA), hatte
aufklären können, vor der er einen gehörigen Respekt hatte.


Hagbards Tod
============

Für Hagbard schien sich Anfang 1989 noch einmal alles zum Guten zu wenden. Zwar
konnte er nicht mehr hacken, aber der Verfassungsschutz in Köln versprach ihm
eine Drogentherapie. Eine Freundin verschaffte ihm Anfang Februar als Teil des
Rehabilitationsprogramms einen Job als Bote und Druckgehilfe in der Geschäfts-
stelle der niedersächsischen CDU in Hannover. Hagbard glaubte noch immer, vom
Kokain loskommen und eine Ausbildung zum Programmierer absolvieren zu können.
Die Enttäuschung kam bald.

Der Verfassungsschutz teilte ihm mit, dass aus der Entziehungskur vorerst nichts
werden würde. Im April verliess ihn seine Freundin. Anfang Mai klagte er, dass
er sich in einer "existentiellen Krise" befand. Er glaubte, dass fremde Mächte
seinen Geist in Besitz genommen hatten. Vermutlich hätten sich die Illuminaten
seiner bemächtigt und würden ihn manipulieren. Er fühlte sich verantwortlich
dafür, dass seine bösen Gedanken eine Epidemie von biologischen Viren in
Grossbritannien ausgelöst hätten.

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Dass man für Informationen, die den ganzen Planeten
interessieren, auch noch bezahlen muss, scheint mir
eine typisch kapitalistische Gepflogenheit zu sein.
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Am 23. Mai sollte Hagbard eine Botenfahrt unternehmen. Er kam jedoch niemals an.
Es war ein "magischer" Tag, an dem die Zahl 5 eine grosse Rolle spielte, eine
Illuminaten-Zahl. Es war der fünfte Monat im Jahr und der 23. Tag des Monats;
die Quersumme ergab wieder die 5. Er selbst war 23 Jahre alt. In einem Birken-
wäldchen zwischen Braunschweig und Celle beging er Selbstmord in einer Weise,
dass auch nach seinem Tod niemand mehr von seinem Körper und Geist Besitz
ergreifen konnte: er überschüttete sich mit Benzin und verbrannte sich. Der
Krieg gegen die Illuminaten war verloren. Die Obduktion ergab keine Hinweise auf
Fremdverschulden. Sein Mithacker Pedro glaubte jedoch noch 1997, dass sich
Hagbard wohl eher spektakulär in der Innenstadt Hannovers öffentlich verbrannt
hätte.

Ein Verfassungsschützer aus Köln, der Hagbard gejagt hatte, fand seinen Tod
1989 "sehr, sehr merkwürdig".

"Alle Anarchisten starben am 23. des einen oder anderen Monats", ist in dem
Illuminaten-Epos nachzulesen. Hagbard begriff sich durchaus als Anarchist und
"Märtyrer für Frieden, Abrüstung und Informationsfreiheit". Aber er war es
nicht. Er war einfach am Ende und folgt einem Illuminaten-Kernsatz: "Der Mensch
hat das Recht, nach seinem eigenen Gesetz zu leben - so zu leben, wie er es
gewillt ist zu tun: zu spielen, wie er will, zu ruhen, wie er will, zu
sterben wann und wie er will."

Der nachfolgende Prozess gegen die KGB-Hacker vor dem Oberlandesgericht Celle
war eine Farce: Hagbards Aussagen beim Bundeskriminalamt konnten nicht verwertet
werden, weil ihm während der Vernehmungen Medikamente ohne ärztliche Kontrolle
gegeben wurden. Pengo wusste nur Vages zu berichten. Stoll konnte die Hacks
nicht eindeutig Personen zuordnen. Den Richtern fehlte zudem der Sachverstand.
Was ein Oktalsystem oder ein Quellcode war, wussten sie nicht. Trotzdem wurden
die drei Angeklagten verurteilt, wohl in der Erwartung, dass sie bei Bewäh-
rungsstrafen nicht in die Berufung gehen würden. Pedro erhielt zwei Jahre,
Urmel 18 Monate und Dob 14 Monate. Die Strafen wurden für drei Jahre auf
Bewährung ausgesetzt.

Ende des Textes von Dr Jochen Sperber, der dies in
ct magazin für computertechnik vom 7.12.1998veröffentlichte.
 

 



Last Updated ( Tuesday, 15 November 2011 )
 
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