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Hagbard at Cebit Print E-mail
Written by MK23_Sysop   
Friday, 24 November 2006
Article Index
Hagbard at Cebit
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...................................................................
: :
: BEACHTEN SIE DASS DIE WIEDERGABE IN KEINSTER WEISE BEDEUTET, :
: DASS DIE MEINUNG JENES AUTORS DAMIT GEBILLIGT WIRD! :
: DAS GEGENTEIL IST DER FALL! :
: DIE MENSCHENVERACHTENDE DARSTELLUNG IST ZU KRITISIEREN! :
:..................................................................:



ct magazin für computertechnik
vom 7.12.1998:


Hagbards Hacker-Krieg
Leben und Tod eines Datenspions
===============================

Autor: Dr Jochen Sperber


Ende der achtziger Jahre gab es grosse Aufregung
um Medienberichte über einige junge deutsche
Hacker, die für den sowjetischen Geheimdienst in
den internationalen Datennetzen agiert hatten -
zehn Jahre später kommt ihre Story in die Kinos.
Eine der Hauptfiguren war "Hagbard" - er erlebte
das Ende der Geschichte nicht.



August Diehl bibberte vor Kälte, obwohl es ein heisser Tag im Sommer 1997 war.
Der junge Schauspieler irrte mit nacktem Oberkörper immer wieder im kalten
"Regen" die Aegi-Hochstrasse in Hannovers Innenstadt entlang. So verlangte es
der Regisseur Hans-Christian Schmid:

Er "geht wie ein Traumwandler in Richtung Brückengeländer. Er überquert den
Radweg, geht mit weichen Knien weiter und sackt am Geländer zusammen", steht
im Drehbuch. Dort findet ihn ein "schmales, 16jähriges Mädchen, Maren",
gespielt von Marie Zielcke.

Hannovers staunende Zuschauer erlebten künstlichen Regen im Sonnenschein,
einige murrten über den Verkehrsstau und den Schweiss auf ihrer Stirn. Gedreht
wurde eine Geschichte, die einige Jahre zuvor die Hackerszene in Deutschland in
Aufregung versetzte. Am 3. März 1989 wurden in Hannover und Berlin mehrere
Hacker festgenommen, weil sie für den KGB gearbeitet hatten. Drei von ihnen
wurden später vom Oberlandesgericht in Celle verurteilt: Urmel, Pedro und Dob.


Eine der Schlüsselpersonen in Hannovers Hackerszene
war da bereits nicht mehr am Leben:

Hagbard Celine, wie er sich nach einer Romanfigur nannte, eine eher tragische
Gestalt. Für den selbsternannten "realen" Hagbard waren die Netzreisen zu
fremden Computern nicht nur technische Abenteuer, sondern eine Art Krieg gegen
eine Gruppe von Verschwörern, die angeblich die Welt beherrschten. Hagbard
verlor diesen Krieg.

Damals, 1989, war es der Wunsch von Hagbard, dass seine Lebensgeschichte
erzählt würde und andere den Kampf weiterführten. Auf ungewöhnliche Weise
wird dieser Wunsch nun Wirklichkeit. Im Januar 1999 kommt seine Geschichte in
die Kinos. Regisseur Hans-Christian Schmid hat seinen Film "23" intensiv
recherchiert; er hat Freunde, Bekannte, Hacker, Programmierer und Journalisten
interviewt, bevor er das Drehbuch schrieb. Es ist jedoch keine Dokumentation,
sondern ein Spielfilm.

Obwohl das Schicksal Hagbards im Mittelpunkt steht, weicht der Film erheblich
von der Wirklichkeit ab. "Dob kommt im Film zu schlecht weg", beklagte sich
Pedro während der Dreharbeiten auf der Aegi-Brücke irritiert beim Regisseur.
"Er wird als gewalttätig dargestellt. Das passt nicht zu ihm. Er ist nicht der
Typ. Das passt eher zu mir. Aber ich will in den Film nicht hineinreden." In der
Tat konnte Pedro in der Kneipe auch schon mal Gläser reihenweise an der Wand
zerdeppern und oder im Suff mit Pistolenschüssen eine Tür durchlöchern.


Wahnsinnstat
============

"Es war alles die Idee eines Wahnsinnigen", meinten die sogenannten KGB-Hacker,
als sie im Februar 1990 in Celle vor Gericht standen. "Er wollte politische
Systeme hacken." Es war für sie leicht, ihren früheren Mithacker zu
beschuldigen. Hagbard hatte am 23. Mai 1989 Selbstmord begangen.

Im Gerichtssaal erklärten Pedro und Dob, dass sie die Operation 1986 gestartet
hätten, um den Frieden in der Welt zu sichern. Zwischen den Supermächten im
Westen und Osten wollten sie zu einer Art technologischer Balance beitragen. In
Wirklichkeit waren die KGB-Hacker jedoch ganz gewöhnliehe Agenten im Dienste
der Sowjetunion, die Software und Daten stahlen, um sie für insgesamt etwa
90.000 Mark zu verkaufen, bevor sie im März 1989 verhaftet wurden.

Die Operation erfolgte zusammen mit Hagbards Mission gegen die "repressive
Politik der USA". Für Pedro war das 1986 nach seinen eigenen Worten eine
Erleuchtung. "Ich glaubte, es wäre besser, dass die russischen Atomraketen
wirklich gesichert sind", fügte er hinzu. Für Hagbard war alles Teil eines
Kriegs gegen eine weltweite Computer-Verschwörung, organisiert von den
Illuminaten, die einen Atomkrieg anzetteln wollten. Er hatte im Alter von 14
Jahren den Roman "Illuminatus!" von Robert Shea und Robert A. Wilson gelesen.
Von dieser Mischung aus Sciencefiction und Seifenoper war er besonders angetan.
Er hielt den absurden Unsinn für die Wirklichkeit. Hagbard glaubte, diese
"zentralistische Macht" würde "Gegenwart und Zukunft steuern", sie sei "Gott
und der Teufel zugleich". Fortan suchte er unter dem Pseudonym des Romanhelden
die Konfrontation mit den Verschwörern.

Der Hagbard Celine im Roman kämpft mit Hilfe von Drogen, Sox, einem Delphin,
einem Computer mit dem Namen FUCKUP, übernatürlichen Kräften und Visionen
sowie der Legion des dynamischen Diskords und einem Zwerg gegen die
Verschwörer. Seine Basis ist ein goldenes Unterseeboot aus einem Pop-Song, das
Yellow Submarine der Beatles. Im wirklichen Leben verschmolzen die Romanfigur
und der Hacker zu einer Identität.

Der Hacker schlüpfte in die Rolle von Hagbard Celine und trieb sich häufig in
Computern der Atom- und Hochenergieforscher herum. Die Kernforscher verfügten
Mitte der achtziger Jahre über die besten Datenverbindungen. Hagbard "reiste"
zum Beispiel nach Los Alamos, zum Stanford Linear Accelerator Center oder den
Sandia Laboratories in den USA, in die KEK in Japan, das DESY in Hamburg,
stöberte in der Kernforschungsanlage Jülich dem Hahn-Meitner-Institut in
Berlin oder der Tri-University Meso Facility in Vancouver. Aber war er deswegen
wahnsinnig?

Am 1. September 1987 schien Hagbard noch ganz normal zu sein. Er war recht
redselig. "Ich habe das Hacken aufgegeben", erzählte er, "Falls Sie mal Greg
Chartrand, den Network Manager am Fermilab nahe Chicago begegnen sollten, dann
sagen Sie ihm doch, dass ich sein persönliches Passwort nicht mehr brauche."
Hagbard lachte leise vor sich hin. "Ich habe es mal in einer Mail an einen
Kollegen in der Kernforschungsanlage CERN gefunden. Er sollte sein Passwort mal
wechseln." Hagbard hatte sich 1985 und 1986 monatelang im Fermilab getummelt.

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Die wesentlichste Eigenschaft eines Hackers ist die Intuition.
Es sind häufig scheinbar unsinnige Einfälle und Ideen gewesen,
die der Wissenschaft und den Hackern zu beachtlichen
Fortschritten verholfen haben.
-------------------------------


An diesem 1. September 1987 sass Hagbard zusammen mit etwa zehn anderen
Programmierern und Computer-Freaks vor einem kleinen Restaurant in der
Innenstadt Hannovers. Auch Urmel war dabei. Sie erzählten sich Geschichten
über Tips und Tricks beim Programmieren, über das Lustwandeln in den Netzen
und über die mangelnde Sicherheit bei militärischen Rechnern. "Etwa 40 Prozent
haben Hausdurchsuchungen hinter sich", erzählte ein Unix-Spezialist, der beim
Diebstahl eines NUI (Network User Identifier) erwischt worden war, die den
Datex-P-Reisenden ermöglichten, die Kosten bei einer Spedition abzuladen - das
Internet wie wir es heute kennen, gab es damals noch nicht. Der "Spass" kostete
ihn 10.000 Mark.


Stammtischreden
===============

Hagbard hatte noch keine Bekanntschaft mit der Polizei gemacht. Zwar wurde 1985
gegen ihn wegen Einbrüchen in Rechner der University of Britisch Columbia in
Kanada und des US Geological Survey in den USA ermittelt - diese geologische
Datenbank enthielt vor allem Informationen über Ölvorkommen in Nordamerika.
Die Polizei in Hannover ging der Sache im August 1986 nach, klingelte an seiner
Tür, traf Hagbard aber nicht an, machte kehrt und schloss die Akten. Hagbards
Spuren in den Netzen konnten zudem nicht exakt bis zu einem Anschluss
zurückverfolgt werden. Hagbard nutzte nämlich häufig einen Laptop, um von
einer Telefonzelle aus zu hacken.


Chaos-Jugend
============

Hagbard wurde 1965 geboren. Nach der Grundschule kam an er an eine Gesamtschule,
wo er einer der besten Schüler war. In der 8. Klasse wurde er Klassensprecher,
in der 9. Schulsprecher und Mitglied des hannoverschen Stadt- und des Landes-
schülerrats von Niedersachsen. Er ging in seiner Arbeit völlig auf, demon-
strierte gegen das Atomkraftwerk Brokdorf an der Elbe und vernachlässigte
die Schule. Auf einem Seminar lernte er den Umgang mit einem Commodore C64 und
erfuhr den Kick von Haschisch. Die Versetzung von der 11. in die 12. Klasse
schaffte er nicht. Er war drogensüchtig, schlief kaum und hackte, wann er nur
konnte. Er verliess die Schule.

Als Hagbard noch in die Grundschule ging, starb seine Mutter an Krebs. Sie starb
langsam, drei Jahre lang. Hagbard begleitete sie zu den Operationen und Bestrah-
lungen und sah sie täglich ein wenig mehr sterben. Nach dem Tod kümmerte sich
seine 81 jährige Grossmutter um ihn, bis auch sie starb.

Hagbards Vater war Journalist. Zunächst war er noch an seinem Sohn und dessen
Hobbys interessiert: Chemie, Astronomie, Elektronik. Aber dann gabelte der Vater
eine Frau in einer Kneipe auf - beide waren Alkoholiker. Hagbard war nun allein,
ohne Orientierungshilfe. Als er 19 Jahre alt war, starb auch sein Vater an
Krebs. Er hinterliess eine Erbschaft von etwa 100.000 Mark.

Die Erbschaft brachte Hagbard schnell durch, da er arbeitslos war. Er mietete
sich ein Appartement, kaufte einen gebrauchten Porsche, einen Atari 520ST zum
Hacken und auch eine gebrauchte PDP-10, eine Riesenkiste, die später in einer
Garage verrottete. Telefonrechnungen von 2000 Mark und mehr waren für ihn nicht
ungewöhnlich.

Auf Seminaren des Landesschülerrats hatte Hagbard Bekanntschaft mit Haschisch
gemacht. Später griff er zu LSD und dann zu Kokain, um die nächtelangen
Hack-Sessions durchzustehen. Anfang 1989 erzählte er, dass er noch immer 17.000
Mark Drogenschulden habe. Er litt an Halluzinationen, Verfolgungswahn und hatte
ständig Angst. "Kokainpsychose" war die ärztliche Diagnose.


Hacker-Leitstelle 511
=====================

Ende 1985 kam Hagbard auf die Idee, in Hannover die Leitstelle 511 des Chaos
Computer Clubs (CCC) zu gründen; die Wahl der Ziffern entsprach der telefo-
nischen Vorwahl. Allmählich sammelten sich um ihn herum Hacker und Freaks,
darunter die Programmierer Urmel und Dob und der ehemalige Croupier Pedro. Pengo
aus Berlin besuchte ihn gelegentlich.

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Viren sind eine neue Waffe, die am Anfang einer ganz
neuen Form des Krieges und der sanften Revolution steht.
Eine Waffe, deren Bedeutung wir Hacker neben den
Geheimdiensten als einzige heute schon erfassen.
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Auf Partys in Hagbards Appartement tummelten sich immer mal wieder 10 bis 15
Leute. Dann wurde gekifft, Bier und Kaffee getrunken. Per Computer ging es auf
Datenreisen zu sogenannten Hangouts, wo sich die Hacker zum virtuellen
Klönschnack trafen, um Tips und Tricks auszutauschen und mit den jüngsten
Erfolgen zu prahlen. Die Universität Karlsruhe gehörte zeitweilig zu den
bevorzugten Treffpunkten, die Strathclyde University in Schottland oder die ETH
in Zürich. Zwischendurch wurden System-Administratoren geärgert, wo man auf
sie traf.

In den letzten Monaten waren das Fermilab und andere Kernforschungsanlagen das
Ziel von Hackern aus West-Deutschland", schrieb der Netzwerkmanager Greg
Chartrand am 3. Januar 1986 an seine Kollegen. Hagbard hatte in einem seiner
Computer ein Gateway eingerichtet, damit Hacker in das akademische Bitnet
wechseln konnten, wo es einen Relay-Chat gab, der sich wachsender Beliebtheit
erfreute. Einen Tag später reagierte die Cornell University in New York sauer:
"Das Cornell-Relay ist für immer eingestellt worden, weil es von einigen
Hackern missbraucht wurde." Vom Chaos Computer Club war jedoch zu hören, dass
Hacker auch das Rechenzentrum von Cornell heimgesucht hatten und anfingen, über
den Einsatz von Viren zu plauschen. Deswegen habe Cornell so harsch reagiert.
Nach drei Wochen öffnete die Universität jedoch wieder das Relay, weil sich
die Netzgemeinde von Hannover bis Los Angeles mehrheitlich dafür ausgesprochen
hatte, dass Chatten eine "legale Aktivität" sei.

Hagbard trieb sich ab 1986 in den Supercomputern des Atomforschungszentrums
Lawrence Livermore herum, wo auch Laserwaffen entwickelt wurden, sah beim
Strategie Air Command Unterlagen über den Stealth-Bomber ein, stahl aus der
OPTIMIS-Datenbank des Pentagon Dokumente über die chemische, biologische und
atomare Kriegsführung in Europa, schaute sich die Positionen amerikanischer und
sowjetischer U-Boote auf einem Computer der US-Navy an oder führte tagelang
Krieg gegen den Systemverwalter des Geological Survey, einer Datenbank für
Geologen in Colorado.

Das Fermilab, eine Kernforschungsanlage nahe Chicago, war seine Computer-Heimat.
Von dort aus startete Hagbard viele seiner Datenreisen. Anregungen fand er in
dem Film "War Games" von 1983: Ein jugendlicher Hacker löst darin beinahe einen
Atomkrieg aus, indem er in die Computer der US-Befehlszentrale NORAD eindringt.
Hagbard wollte den Film in die Praxis umsetzen und einen Software-Krieg mit
"Softbombs" aus Computerviren beginnen.

"Präventivkrisen", etwa die Abschaltung der Stromversorgung, sollten "bestimmte
Regionen ins Chaos stürzen", die Macht der Hacker beweisen und die Illuminaten
zum Einlenken bewegen. Auf seinem Trip zwischen Fiktion und Wirklichkeit stiess
Hagbard im Fermilab mit Host 153 tatsächlich auf das NORAD Strategie Command
System. Die Passwörter "JOSHUA", "FALKEN" und "STAR WARS"

aus der Filmvorlage

versagten jedoch in der Realität.



Last Updated ( Tuesday, 15 November 2011 )
 
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